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  Filzteppiche:

1. Funktion:
Filzen ist das älteste textile Handwerk. Viele Völker filzten nicht nur ihre Kleidung
und ihr Schuhwerk, sondern auch Gebrauchsgegenstände und ihre Behausungen.
Die turkmenische Jurte ist dafür wohl das bekannteste Beispiel. Eine Jurte, die Behausung der nomadisierenden Turkmenen und Mongolen,
besteht aus einem Holzgerüst, dem außen Filzdecken aufgelegt werden.
Eine Jurte hat meist einen Durchmesser von fünf Metern. Der untere Teil wird
reihum innen anschließend mit einer entsprechend langen Webarbeit in
Sumagtechnik geschmückt, die die Turkmenen Yolami nennen.
An den abgerundeten, konisch konstruierten Jurten konnten Wirbelstürme nichts zerstören und auch nicht ins Innere dringen. Neben den funktionalen Wert, den die Filzarbeiten für Behausung, Kleidung und für tägliche Utensilien besaß, erfüllten
sie dekorative Zwecke. Ihnen floss, als Flächen, die für Zierrat zur Verfügung
standen, die ganze Kreativität der Herstellerin zu.
Hieraus erwuchs wiederum eine soziale Funktion. Mit üppiger Ausstattung der
Zelte, besonders aufwendigem Festtagschmuck wurde der eigene Status und die Kunstfertigkeit der Familie nach außen demonstriert. Auch die Stammes-
zugehörigkeit wurde anhand von Textilien erkannt.

Neben dem praktischen Wert wurde dem Filz auch kultisch-magische Bedeutung beigemessen.
Die Nomadin verfügte über die Kraft, dem von ihr erzeugten Muster im Filz die gewünschte Wirkung zuzuordnen. Sie waren sich ihrer Fähigkeit bewusst, dem Filz mittels Beachtung ritueller Vorschriften,
guter Wolle und gelungener Motivwahl ein Höchstmaß an kultischen Gehalt mitzu-
teilen, so dass dieser über ein Optimum an schützender Ausstrahlung verfügte.
Die einzelnen Motive halfen die Dämonen und den "Bösen Blick" abzuwenden,
und boten den Nomaden Schutz vor potentiellen Schäden und Gefahren.
Schamanen schnitten aus Filz kleine Kultfiguren, die als Talismane bei Tieren und Menschen den Bösen Blick abwenden oder Krankheiten abwehren helfen sollten
und bei Gefahr eine Schutzfunktion übernahmen, indem sie das Unheil auf sich
zogen. „Wenn der gefürchtete Karaburan (der schwarze Wirbelsturm) aus weiter
Ferne daherrast, schneidet ein Schamane aus Filz kleine Pferdefiguren, die er
dem großen, geflügelten Windpferd entgegenwirft, um es zu bekämpfen.“

Literaturhinweis:
- S. M. Demidov: Relikte vorislamischer Glauben unter den Turkmenen, in: Turkmenenforschung,
- Band 8, Reinhold Schletzer Verlag, Hamburg
- Schmid, Robert C. und Bendel, Oswald: Die Letzten Nomaden, 1997 Verlag Styria.


2. Geschichte:
Die Filzteppiche dürften mit zu den ältesten Teppichen schlechthin zählen. In der Entwicklungsgeschichte des Nomadenteppichs wird in der Reihenfolge der Filz,
dann der Kelim und schließlich der Knüpfteppich festgehalten.
Schon vor langer Zeit erkannten die Menschen, dass Wolle besonders gut
geeignet ist, um eine schützende und wärmende Hülle herzustellen. Diese belegen Funde aus Mittelasien, Anatolien, Ägypten und China, wo man Wollfilze entdeckte,
die ca. 7000 Jahre alt sind. Schon seit der mittleren Steinzeit, also ca. 5000-4000 Jahre v. Chr., wurden Schafe als Haustiere gehalten. Gleichzeitig begann
auch die Geschichte der Filzherstellung.

Zwei wichtige Funde für die frühe Filzherstellung sind:
- Ein Wandbehang aus Filz in Hügel 5 von Pazyryk im Altaigebirge:
4. bis 5. Jhd. v. Chr.
- Die Turfan-Fragmente aus Ost-Turkestan: 2. bis 3. Jhd. n. Chr.

Literaturhinweis:
- Bennett, Ian: Teppiche der Welt, Mosaik Verlag GmbH, München 1989
.
- Spuhler, Friedrich: Die Orientteppiche im Museum für Islamische Kunst Berlin,
- Staatl. Museen Kulturbesitz, Berlin 1987.

3. Herstellungstechnik:

Vor oder im Inneren der Jurte wurde auf ein ausgebreitetes Schilf-Geflecht oder großes Lederstück eingefärbte Wolle in Flocken oder Strähnen zu Mustern
angeordnet und vorsichtig mit einer ungefärbten Schicht Naturwolle bedeckt.
Als dritte Schicht wurden wieder eingefärbte Wolle in Flocken oder Strähnen
zu Mustern angeordnet. Erste und dritte Schicht weisen dadurch verschiedene
Muster auf.

Die Wollschichten wurden jedes mal mit kochendem Wasser und etwas Milch besprengt. Dadurch schob sich das Haar der Wolle ineinander, quoll auf und
verfilzte.
Es entstand beim Begießen eine immer dichter werdende Verflechtung, ein verknotetes, sich durch Hitze aufspaltendes Haar.
Zwischendurch wurde die Walze immer wieder aufgewickelt, mit kochendem
Wasser übergossen
und durch Druck mit den Unterarmen gewalkt, bis sich die erwünschte Festigkeit
und Dichte erreicht ist.
Dann wickelte man die Matte mit ihrem Schilfgeflecht fest um einen Holzstamm,
der als Achse diente,
zu einer Walze zusammen.
Man band sie verschnürt hinter ein Pferd, dessen Reiter sie im Galopp über die Steppe rollte und zog. Hierdurch presste sich die Wolle immer enger ineinander.

Literaturhinweis:
- Zipper, Kurt: Lexikon des Orientteppichs, Klinkhardt & Biermann, München 1981.
- Bidder, Hans und Imgard: Filzteppiche, Klinkhardt Biermann, Braunschweig 1980.

4. Farben:

Granatapfelschale

Granatapfelschale (Punica granatum):

Die getrockneten Fruchtschalen enthalten ein Pigment, das alaungebeizte Wolle lebhaft gelb färbt.
Auf Eisenbeize ergibt die gerbstoffhaltige Granatapfelschale schwarze Farbtöne.

Isparak

Isparak (Crozophora tictoria):

Ein gelber Farbstoff von sehr guten Eigenschaften ist im Isparak (Isperek), einer Wolfsmilchart, enthalten, die Steppengebiete und Gegenden mit kontinentalem
Klima bevorzugt und spärlich in Tropen auftritt. Die ganze Pflanze mit möglichst
üppig entwickelten Blättern wird vor der Blüte gesammelt und getrocknet und
ergibt gelblichgrüne Töne.

Indigo

Indigo (Idigofera tinctoria):
Die Ursprünge dieser Färberei vermutet man in Indien im dritten Jahrtausend vor Christus. Darauf deutet auch der vom griechischen indikon für „indisch“ abgeleitete Name. Und wie sein Name im Sanskrit Nili heißt, so bezeichnet man ihn in Iran
mit Nil. Ägyptische Kleidung aus der Zeit um 2500 vor Christus und Mumienbinden zeigen, dass Indigo dort ebenso bekannt war wie Jahrhunderte später
im Rom der Zeitenwende.
Der zu den Schmetterlingsblüten gehörende Strauch enthält die farblose Vorstufe Indican. Das zer-
schnittene Kraut gab man einige Tage mit Wasser in großen Küpen.
Durch ein in den Blättern
enthaltenes Enzym begann eine Gärung, die das Indican chemisch umwandelte.
Es entstand die gelbliche Gärungsküpe und daraus mit dem Sauerstoff der Luft
Indigo. Ein in diese Küpe getauchter Stoff wurde also an der Luft blau.

Krappwurzel

Krappwurzel(Rubia tinctorum):

Der zur Rotfärbung notwendige Farbstoff (Alizarin) ist im Wurzelstock des Krapps, auch Färberröte genannt, erhalten. Es handelt sich um eine Krautpflanze, die mit
ihren lanzettförmigen Blättern eine Höhe von 1 Meter erreicht. Je nach dm Alter der Wurzel, der Erntezeit, der Verwendung von Zusatzstoffen,
das Wasser und der Wassertemperatur, der Färbedauer, der Wahl des Beizmittels und der Farbstoffkonzentration kann es eine große Palette von Farbtönen ergeben.
Wir finden alle Nuancen vom gelblichen Ziegelrot kleinasiatischer Teppiche bis zum bläulichen Weinrot der Tekke-Turkmenteppiche.
Um den Farbstoff auf der Faser zu fixieren, bediente man sich der Beizenfärberei. Nicht gebeizte Wolle nimmt nach der Färbung mit Krapp eine Ziegelrote Farbe an. Diese vertieft sich, wenn Alaun (Kaliumaluminiumsulfat) als Beizmittel verwendet
wird. Fügt man der Farbstofflösung ein eisen- oder bleihaltiges Beizmittel hinzu, so verändert sich die Farbe zum Purpur oder Violett hin.

Walnuss

Walnuss (Juglans regia):

Aus der Blätter, trocken oder frisch, gewinnt man zusammen mit Alaun ein mehr oder minder intensives Beige. Der Rinde und die Fruchtschalen ergeben Dunkelbraun.
Der aktive Farbstoff ist das Juglandin (Juglon), das sich auch ohne Beizmittel direkt
mit der Wollfaser verbindet.

Safran (Crocus sativus):
Man gewann den gelben Farbstoff Crocin aus den Blütennarben der Safran-Pflanze. Da Safran zu den direktfärbenden Farbstoffen gehört, ist kein Vorbeizen erforderlich.
Aus 150.000 bis 200.000 Blüten lassen sich fünf Kilogramm Narben und daraus ein Kilogramm Safran gewinnen. Deswegen ist dieser Farbstoff sehr teuer gewesen und wurde nur selten zum Färben von Teppichwolle verwendet.

Das Färben der Wolle:
Die Kunst des Färbens stand bei den Nomaden in hohem Ansehen. Besonders die Fixierungsvorgänge wurden als geheime Rezepte streng gehütet und von Generation zu Generation nur mündlich überliefert.

Ein gelungener Färbevorgang war abhängig von vielen Faktoren, wie:
- Herkunft, Zustand und Reife des Farbstoffes
- Farbstoffkonzentration
- Färbedauer
- Beschaffenheit von Wasser (Kalkgehalt, Mineralgehalt)
- Luft und Sonne
- Beschaffenheit von Wolle (ungleichmäßige Dicke des handgesponnenen Faden, Fettgehalt)
- Dosierung der Wolle
- Zusatzstoffe und Beizmittel:
- Färbemischung
usw.

Von wesentlicher Bedeutung für das Färben ist das Wasser, das zum Waschen und Kochen der Wolle und dann zum Mischen der Farben benutzt wird. Je nach seinen lösenden Bestandteilen übt es einen nicht immer kontrollierbaren Einfluss auf die Farbe aus. Die Gebirgsbäche, welche Bergen vulkanischen Ursprunges entspringen oder längere Zeit über vulkanischen Boden fließen, führen das beste Wasser zum Einfärben. Kalkgehalt des Wassers erzeugt kräftige Töne. Um die Eigenschaft des Wassers hierzu auszunutzen, legten die Färber z.B. das krapprot gefärbte Garn mit Steinen beschwert in die Bäche. Versuche, die man in Europa mit importierten
Farbstoffen gemacht hat, haben gezeigt, dass sich das europäische Wasser nicht eignete. (Uhlmann, 1930, S. 40)
Auch die und die Sonne spielen beim Einfärben mit Naturfarben eine wichtige Rolle. Das gefärbte Garn kommt in engste Berührung mit der orientalischen Natur, indem
es zum Trockenen im Freien aufgehängt wird. Luft und Sonne geben ihm vor der Verarbeitung den letzten Glanz. Von Wichtigkeit ist die Dauer der Aussetzung und
vor allem die in Europa unbekannten Intensität der Sonnenstrahlung, so dass Martin
in den letzten Worten seines unvergleichlichen Werkes die südliche Sonne den besten Farbkünstler nennt. (Martin, 1908)



Alaun (Kaliumaluminiumsulfat) (Persisch: zadje sefid):

Für die durch das Wollfett gehemmte Farbaufnahme und für die Haltbarkeit der
Farben sind Beizmittel nötig. Beizmittel lockert die Fasern auf und bereite für die Farbaufnahme vor. Neben den verschiedensten alkalischen Zusätzen (Kamel-Urin
und Gallen) und Säuren kennt der Orient noch eine Unmenge vegetabilischer, animalischer, mineralischer und anderer Mitteln, oft nur von engster lokaler
Bedeutung, den Farbton zu verändern, ihn licht- und waschbeständiger, reibechter
zu machen. Die meisten Naturfarbstoffe sind Beizenfarbstoffe. Sie haften nur wenig von selbst auf der Faser und benötigen als Bindeglied zwischen Farbstoff und Wollfasereine Beize.
Allerdings ist ein gelungener Färbevorgang von vielen Faktoren abhängig.

Einige diese Beizstoffe/Beizmittel (Persisch: dandaneh) sind:
- Alaun
- Eisensulfat, Eisenoxyd
- Chromsäure
- Chromoxid
- Zinnoxid
- Tonerde
- Phosphate
- Bleiazetat
- Holzasche
- Traubensaft
- Essig (Essigsäure)
- Weinstein
- Natriumdithionit
Literaturhinweis:
- Hejazian, Razi: Nomaden im Iran, Dokumentation nomadischer Kelims
und Teppiche, Berlin 1999.
- Adrian, Karin: Teppiche, von den Anfängen der Teppichkunst bis heute, Wilhelm Heyne Verlag, 1993
- München.
- Schürmann, Ulrich: Zentral-Asiatische Teppiche, verlag August Osterrieth, Frankfurt am Main, 1969.


 
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